Wenn der Ökonom beim Bauern landet – und bleibt – Beitrag vom 21. Mai 2026

Wyler`s Biohof und Waldgarten
Bild: Kai Isemann
Source : Kai Isemann

Ein kühler Morgen im Zürcher Oberland. Feuchte Luft liegt über den Weiden, das Gras ist noch schwer vom Tau. Flurin Wyler ist bereits im Stall, Tiere versorgen, Routinen greifen ineinander. Dinge, die jeden Tag passieren und sich doch immer wieder anders anfühlen.

Der Weiler Rüeggshausen wurde bereits im Jahr 775 urkundlich erwähnt. Seit über 1250 Jahren prägen Rodung, Landwirtschaft und Siedlung diesen kleinen Raum zwischen Wolfhausen und dem Rapperswiler Lenggis. In diesem Gefüge liegt Wyler’s Biohof. Acht Hektaren Landwirtschaftsfläche, Offenstall, Weiden, Rinder, Pferde, Ziegen, Hofladen. Ein Betrieb, der über viele Jahre gewachsen ist.

Die Familie Wyler kam 1914 aus dem Bernbiet ins Zürcher Oberland. 1986 übernahmen Ueli und Franziska Wyler den Hof, stellten auf Bio um, bauten einen Offenlaufstall und öffneten den Betrieb auch sozial für Menschen, die zeitweise mit auf dem Hof lebten.

Heute führt Flurin Wyler den Betrieb in dritter Generation. Gemeinsam mit seinen Kindern, seiner Partnerin und weiterhin eng begleitet von den Eltern. Der Hof funktioniert. Und zugleich stehen viele Fragezeichen im Raum.

Diese Fragen zeigen sich selten laut. Sie liegen zwischen den Handgriffen, in Gesprächen am Rand des Tages, in Momenten, in denen sichtbar wird, wie viel gleichzeitig getragen werden muss.

Die Rahmenbedingungen haben sich verschoben. In der Schweiz ist die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe seit Jahrzehnten rückläufig. Bodenpreise steigen, Flächen geraten unter Druck, Betriebe werden grösser und spezialisierter. Für kleinere, vielseitige Höfe wird der Handlungsspielraum enger.

Der Druck wirkt selten spektakulär. Er wirkt leise.

Für einen Betrieb wie Wyler’s Biohof wird diese Entwicklung konkret. Acht Hektaren reichen aus, um viel zu leisten. Gleichzeitig bewegen sich Marktlogiken, Kosten und Anforderungen schneller als der Hof selbst. Die Arbeit bleibt. Die Marge wird enger.

Flurin Wyler kennt diese Realität aus nächster Nähe. Er arbeitet zusätzlich ausserhalb des Hofs, organisiert den Betrieb, entwickelt weiter, hält zusammen. Und stellt sich immer wieder dieselbe Frage: Welche Richtung trägt?

Vor vier Jahren kommt Kai Isemann in den Weiler. Ohne klaren Auftrag. Er zieht mit seiner Familie nach Wolfhausen und mietet sich ein. Seine berufliche Herkunft liegt in der Finanzwelt. Heute arbeitet er als selbständiger Berater für regionale Entwicklungsträger und Stiftungen, hat sich in den vergangenen Jahren agrarisch weitergebildet und begleitet unter dem Schirm der AGRIDEA Betriebe in agrarökologischer Transformation.

Was zunächst als Nebeneinander beginnt, entwickelt sich über Gespräche. Zwischen Tür und Angel, auf dem Feld, am Rand des Tages. Ein Austausch über das, was da ist. Und über das, was sich entwickeln könnte.

Dabei zeigt sich ein wiederkehrendes Muster. Viele Betriebe leisten mehr, als sichtbar wird. Ökologisch, sozial, kulturell. Oft fehlen Strukturen, die diese Leistungen wirtschaftlich tragen.

Flurin Wyler lässt diesen noch unscharfen Blick zu. Daraus entsteht keine Strategie im klassischen Sinn. Eher ein fortlaufendes Feinjustieren dessen, was bereits angelegt ist.

Langsam verändert sich der Blick auf den Hof. Weg von einzelnen Flächen und Tätigkeiten, hin zu einem zusammenhängenden System. Welche Leistungen entstehen hier tatsächlich? Wo liegen ungenutzte Potenziale? Welche Teile des Betriebs tragen wirtschaftlich, welche stabilisieren den Gesamtbetrieb?

Diese Fragen beginnen, den Betrieb zu verschieben.

Freiflächen werden neu gelesen. Ein Agroforstsystem entsteht. Mischkulturen, Kräuter, Beeren, mehrjährige Strukturen. Verarbeitung rückt näher an den Hof. Direktvermarktung wird gezielter entwickelt. Kooperationen entstehen.

Auch der Umgang mit Wasser verändert sich. Entlang der Höhenlinien entstehen neue Pflanzungen, Retentionsräume und strukturierende Elemente, die Flächen langsam neu ordnen. Wasser beginnt im System zu bleiben.

Wie sich solche Potenziale konkret zeigen, liegt manchmal unscheinbar im Feld. Minze. Vier Sorten, kräftig wachsend. Beim ersten Schnitt stellt sich die Frage, was daraus werden kann. Als Tee bleibt sie ein Randprodukt. Die Menge ist da, die Idee zunächst offen.
Mit der Entwicklung des Systems beginnt die Minze eine andere Rolle einzunehmen. Aus der Ernte entstehen veredelte Produkte, wie Pastillen, die ab diesem Jahr auch überregional vertrieben werden.

Verarbeitung rückt näher an den Hof. Schrittweise entwickeln sich neue Linien. Freilandtomaten werden verarbeitet, erste Beerenprodukte entstehen, später auch regionale Mischprodukte aus Trockenfrüchten, Nüssen und Beeren.

Die Produkte folgen der Entwicklung des Systems. Sie entstehen aus dem, was da ist.

Als Kleinbetrieb wird dabei schnell eine Grenze sichtbar. Einzelne Höfe tragen diese Entwicklung nur bedingt alleine. Vor Ort entstehen Verbindungen. Zwei Mischkulturbetriebe beginnen, ihre Produktion zu bündeln, Verarbeitungsschritte zu teilen und gemeinsam in den Markt zu gehen. Aus einzelnen Linien entsteht langsam eine tragfähigere Struktur.

Mit der Veränderung der Produktion verändert sich auch der Blick auf den Raum. Der Hof beginnt wieder, nach aussen zu wirken. Menschen bleiben stehen, interessieren sich für das, was auf den Flächen entsteht, Gespräche ergeben sich spontan.

Schnell wird der Betrieb wieder stärker Teil des regionalen Lebens. Schulen beginnen den Hof in ihren Unterricht einzubeziehen. Schulklassen laufen durch die Kulturen. Kinder bleiben stehen, stellen Fragen, greifen nach Blättern, riechen, probieren, staunen. Der Hof wird wieder zum Lernraum.

Spaziergänger folgen dem öffentlichen Trail durch die Agroforstflächen. Mit der Öffnung des Hofs entstehen auch erste soziale Formate. Etwa Angebote für Jugendliche, die in klassischen Räumen oft schwer Halt finden. Ergänzend dazu finden Teamevents statt, die den Betrieb als Ort gemeinsamer Erfahrung öffnen.

Die soziale Dimension entsteht dabei nicht zusätzlich zum Betrieb. Sie wächst aus ihm heraus.

Parallel entwickelt sich der Waldgarten weiter. Hunderte Kräuter, Beeren, Obstbäume. Ein System, das sich über Jahre verdichtet und den Betrieb strukturell verändert. Die Arbeit nimmt zu. Und ihre Qualität verändert sich. Schon im Jahr des Aufbaus wird sichtbar, dass die Schwelle zur vollen Arbeitskraft überschritten ist.

Was hier entsteht, folgt keiner vorgegebenen Lösung. Es entsteht im Zusammenspiel. Zwischen einem Betrieb, der seit Generationen gewachsen ist, und einem Blick von aussen, der Zusammenhänge sichtbar macht. Der Ökonom bringt Struktur. Der Bauer bringt Realität. Dazwischen beginnt etwas zu wachsen. Und an manchen Tagen zeigt sich das ganz einfach. Im Wasser, das nach einem Regen im System bleibt. In einer Pflanze, die mehr kann als gedacht. Oder in einem Gespräch, das weiterführt.

Kai Isemann und Flurin Wyler

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