Externe Kosten und Nutzen der Landwirtschaft und des Ernährungssystems in der Schweiz

Artikel

Luftaufnahme von Landwirtschaftsfläche
Bild: FiBL

Eine Fallstudie für den FAO SOFA2024-Bericht

Publikation
05.03.2025

Autorinnen / Autoren
De Luca, Kevin und Müller, Adrian


FiBL


Originaltitel: Hidden costs of the Swiss Agrifood System – Case Study to the FAO State of Food and Agriculture SOFA-Report 2024

Zusammenfassung

Agrar- und Ernährungssysteme sind ein zentrales Fundament unserer Gesellschaften. Sie dienen der Versorgung mit Nahrungsmitteln und der Erbringung weiterer Dienste. So etwa schaffen sie Arbeitsplätze im ländlichen Raum und Landschaften mit Erholungswert. Die globalen Agrar- und Ernährungssysteme haben aber auch erhebliche Auswirkungen auf Umwelt, Soziales und die Wirtschaft, da sie für den Verlust der Biodiversität, den Klimawandel, die Wasserknappheit, prekäre Arbeitsbedingungen und ungesunde Ernährungsgewohnheiten mitverantwortlich sind. Das Ausmass dieser negativen Auswirkungen ist nicht zu unterschätzen. Daher ist es von zentraler Bedeutung, Wege für eine Transformation der Agrar- und Ernährungssysteme zu erschliessen, um die nachteiligen Auswirkungen deutlich zu reduzieren.

Ein Ansatz dazu ist die Kostenwahrheitsrechnung, d. h. die Schätzung der versteckten Kosten des Agrar- und Ernährungssystems. Als versteckte Kosten gelten die Kosten von Produktions- und Konsumentscheidungen, die nicht in die jeweiligen Entscheidungen einfliessen und anschliessend von Dritten, gesamtgesellschaftlich oder auch erst zu einem späteren Zeitpunkt getragen werden. Ein Beispiel hierfür sind die Kosten der Auswirkungen des Klimawandels, die bei Entscheidungen über die landwirtschaftliche Betriebsführung oder Konsumentscheidungen, die Treibhausgasemissionen (THGEmissionen) verursachen, unberücksichtigt bleiben. Die Kostenwahrheitsrechnung beziffert die genannten nachteiligen Auswirkungen und setzt diese mit dem ökonomischen Narrativ der sozialen Wohlfahrt und dem BIP-Wachstum oder vielmehr mit Wohlfahrtsverlusten respektive BIP-Verlusten in Beziehung, um Bewusstsein für diese Zusammenhänge zu schaffen.

Der Bericht über den Zustand von Ernährung und Landwirtschaft 2023 (The State of Food and Agriculture 2023, kurz «SOFA 2023») der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) befasst sich mit den versteckten Kosten der Agrar- und Ernährungssysteme weltweit. Er beruht auf Schätzungen dieser Kosten nach Ländern für eine Reihe von Kategorien, in denen weltweit einheitliche Daten zur Verfügung standen. In Bezug auf die Aktivitäten des Ernährungssystems werden territoriale Systemgrenzen definiert. So werden beispielsweise die versteckten Kosten des Agrar- und Ernährungssystems in einem Staat über die Auswirkungen von der Inlandproduktion bis hin zum Konsum berechnet (auch wenn die Auswirkungen im Ausland auftreten, etwa infolge von THG-Emissionen oder Stickstoffauswaschungen in Gewässern über die Landesgrenzen hinaus). Die Kosten importierter Lebens- und Futtermittel, Dünger sowie Betriebs- und Hilfsmittel sind darin jedoch nicht enthalten.

Die vorliegende Fallstudie verfeinert die Schätzungen des SOFA 2023-Berichts für die Schweiz und ergänzt sie um Themen, die nicht Gegenstand des Berichts waren, um so die dringlichsten Herausforderungen und Chancen des Schweizer Agrar- und Ernährungssystems im Hinblick auf externe Effekte und Empfehlungen für potenzielle Ansatzpunkte für eine nachhaltige Transformation des Systems zu identifizieren.

Die Auswertung der Ergebnisse des SOFA 2023-Berichts ergab, dass die Schätzungen für die im Bericht aufgeführten Kategorien für die Schweiz mehrheitlich ohne Verfeinerung herangezogen werden können. Das gilt jedoch nicht für THG-Emissionen. In dieser Kategorie beansprucht die Schweiz, basierend auf den jüngsten wissenschaftlichen Studien, einen um das Sechsfache höheren Wert für die sozialen Kosten, was unter Berücksichtigung einiger konservativer Sicherheitsmargen für methodische Unsicherheiten in etwa dreimal so hohe Kosten für THG-Emissionen zur Folge hat.

Neben der Überprüfung und Verfeinerung der Werte für die im SOFA 2023-Bericht aufgeführten Kategorien bedarf es der Ergänzung um weitere Kategorien, die im Bericht fehlen. An erster Stelle stehen dabei die versteckten Kosten der Biodiversitätsverluste, auf die rund 7,5 Milliarden Schweizer Franken, d. h. fast ein Drittel der ursprünglichen Schätzung, entfallen. Die Gesundheitskosten im SOFA 2023-Bericht tragen darüber hinaus nur den Kosten von nichtübertragbaren Krankheiten infolge ungesunder Ernährung Rechnung, nicht aber den direkten Behandlungskosten oder den immateriellen Kosten, die sich infolge der Erkrankung und der geringeren Lebensqualität ergeben und auf die 8 bzw. 9 Milliarden Schweizer Franken entfallen (wobei es besonders umstritten ist, direkte Behandlungskosten als versteckte Kosten zu erfassen).

Es ist darauf hinzuweisen, dass einige dieser Schätzungen möglicherweise doppelt erfasst werden, z. B. die zusätzlichen Kosten im Zusammenhang mit der Biodiversität, die bereits in den ursprünglich erfassten, durch Stickstoffemissionen und Landnutzung verursachten Kosten enthalten sind. Der Anteil dieser möglicherweise doppelt erfassten Kosten ist jedoch in Bezug auf ihre Grössenordnung unterhalb der im Zusammenhang mit der Biodiversität neu entstandenen Kosten anzusiedeln. Folglich wird dies als nicht allzu grosses Problem eingestuft. Generell wurde überdies ein konservativer Ansatz verfolgt, bei dem dort, wo die Unsicherheiten besonders gross sind, eher tiefere als höhere Schätzungen verwendet wurden, z. B. bei Landnutzungsänderungen, auf die die ursprüngliche Schätzung des SOFA 2023-Berichts Anwendung fand, obwohl wesentlich höhere Kosten angeführt werden könnten. Dies würde das Problem der Doppelerfassungen jedoch verstärken, was durch die Verwendung der ursprünglichen tieferen Schätzung vermieden wird.

Die Schätzungen zeigen, dass die versteckten Kosten des Schweizer Agrar- und Ernährungssystems, einschliesslich dieser zusätzlichen Kosten, im Jahr 2020 gesamthaft bei rund 32 Milliarden Schweizer Franken lagen (während sich die ursprüngliche Schätzung des SOFA 2023-Berichts unter Auslassung dieser zusätzlichen Kosten für 2020 auf rund 21 Milliarden Franken belief). Dabei entfallen 17 Milliarden Schweizer Franken auf die Folgen ungesunder Ernährung, gefolgt von den Auswirkungen der Biodiversitätsverluste (7,5 Mrd. CHF), der Treibhausgasemissionen (rund 3,1 Mrd. CHF) und der Stickstoffemissionen (2,9 Mrd. CHF). Die nachstehende Tabelle fasst diese Ergebnisse zusammen.

Aus Gründen der Vollständigkeit enthält die Tabelle auch die versteckten Kosten des Imports von Lebens- und Futtermitteln sowie anderer landwirtschaftlicher Betriebsmittel. Zusätzlich zu dieser Tabelle sollten mögliche, mit unausgewogenen Subventionen, Grenzschutz und anderen Anreizsystemen zusammenhängende versteckte Kosten analysiert werden. Diese Kosten werden besonders kontrovers diskutiert, lassen sich nur schwer quantifizieren und sind daher an dieser Stelle nicht aufgeführt.

Zusammenfassung

Agriculture and food systems are a central basis for our societies, providing food and a number of other services such as rural employment or landscapes with recreational value. However, global agriculture and food systems also have large environmental, social and economic impacts, contributing to biodiversity loss, climate change, water scarcity, precarious working conditions and unhealthy dietary patterns. The scale of these adverse impacts is significant. It is thus of paramount importance to support pathways towards agrifood system transformation, where these impacts are significantly reduced.

Mots-clés

Fallstudie, externe Kosten, food systems, sustainability, nachhaltige Ernährun

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